![]() |
|||
| Spione aus Antimaterie | |||
| Physiker suchen Materialfehler auf atomarer Ebene | |||
| Für immer extremere Einsatzbereiche in Technik und Wissenschaft
werden ständig neue Materialien mit erhöhter Festigkeit, Bruchsicherheit,
Hitzebeständigkeit oder mit einer zur Verarbeitung geeigneten
Verformbarkeit gesucht. Da sich solche verbesserten Materialeigenschaften
oftmals durch Veränderungen auf atomarer Ebene ergeben, verwenden die
Festkörperphysiker an der Universität Stuttgart sehr viel Arbeit darauf,
schon kleinste Unterschiede im atomaren Aufbau von Versuchsmaterialien zu
erkennen.
Eines der Forschungsziele ist es, einen erweiterten Einblick in den Zusammenhang zwischen der Anzahl von Gitterfehlstellen und den Eigenschaften der Versuchsmaterialien zu erlangen. Dazu muss man wissen, dass viele Festkörper wie Aluminium oder Eisen aus Kristallen aufgebaut sind, ihre Atome also eine sehr regelmäßige Anordnung aufweisen. Länger zurückliegende Forschungen haben jedoch bereits ergeben, dass in diesen Gittern ganz natürlich des Öfteren „Fehler" auftreten, also mögliche Atompositionen unbesetzt sind. Die Anzahl dieser Gitterfehlstellen variiert von Material zu Material und ist unter anderem auch von der Temperatur abhängig. Die Stuttgarter Forscher erhoffen sich nun, dass sie, wenn es ihnen gelänge, die Anzahl dieser Fehlstellen zuverlässiger und schneller als bisher zu ermitteln, zukünftig präzisere Aussagen über Materialeigenschaften treffen können, ohne weitere Erprobungen durchführen zu müssen. Besonders
problematisch für die Arbeit mit solchen Fehlstellen gestaltet sich deren
Erfassung. Im Verhältnis zu der Anzahl der Atome eines Stoffes kommen nur
sehr wenige Fehlstellen in Kristallen vor, weshalb sie mit hohem
wissenschaftlichem Aufwand gesucht werden müssen. Eine Methode, die die
Stuttgarter Forscher hierzu anwenden, ist die
Positronenlebensdauerspektroskopie. Wie schon der Name sagt, wird
bei dieser Methode die durchschnittliche Lebensdauer von Positronen – den
positiv geladenen, massegleichen Antiteilchen der Elektronen – gemessen,
die von außen in das zu prüfende Material geschossen werden. Ein Elektron,
von denen sich viele in Wolken rund um die Atomkerne innerhalb des zu
prüfenden Kristallgitters finden, hat nämlich die Eigenschaft, bei Kontakt
mit seinem Antiteilchen – dem Positron – zu zerstrahlen, sodass beide
Teilchen verschwinden. Bei diesem Vorgang – der Annihilation – der
ungefähr eine millionstel Sekunde dauert, wird Energie in Form
von Strahlungfrei,
die von den Forschern gemessen werden kann. Da sich die
Elektronen in festen Bereichen um die Kerne bewegen und sich kaum aus
diesen lösen, befinden sich in der Nähe von Fehlstellen weniger Elektronen
als in Bereichen ohne „Fehler". Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Positron
innerhalb einer Fehlstelle zerstrahlt, ist also geringer, da weniger
mögliche Partner für einen solchen Vorgang vorhanden sind. Es wird deshalb
erst etwas später zerstrahlen als Positronen, die sich während ihrer
Lebensdauer nie in einer Fehlstelle befunden haben. Wird diese
Lebensdauermessung bei sehr vielen Positronen durchgeführt, dann ist die
durchschnittliche Lebensdauer der Positronen eine messbare, immer gleich
bleibende, kennzeichnende Größe für ein bestimmtes Material bei einer
bestimmten Temperatur. Somit werden Teilchen aus Antimaterie – Positronen
– eingesetzt, um Fehlstellen auszuspionieren, die man ansonsten nicht
erfassen könnte. Außer der Anzahl der
Fehlstellen können die Forscher mit der gleichen Messmethode auch weitere
interessante Daten ermitteln. So erlauben Verfeinerungen dieser Methode
auch Rückschlüsse auf das Elektron, mit dem das Positron zerstrahlt ist.
Das ist besonders aufschlussreich, wenn keine Kristalle vorliegen, die nur
aus Atomen eines Typs gebaut sind, sondern sich wie Legierungen aus
mehreren verschiedenen Elementen zusammensetzen. Die verfeinerte Messung
erlaubt es, die Bahngeschwindigkeit und den Drehimpuls des zerstrahlten
Elektrons auszurechnen. Daraus kann man in den meisten Fällen schließen,
um welches chemische Element es sich bei dem Atom handelt, aus dessen
Wolke das zerstrahlte Elektron stammte. Um jedoch eine
zuverlässige Basis für weitere Experimente und vor allem für Simulationen
zu schaffen, müssen noch viele Messreihen mit der
Positronenlebensdauerspektroskopie durchgeführt werden,
beispielsweise Messungen mit Materialien, die entweder bis kurz über den
absoluten Nullpunkt abgekühlt oder bis beinahe zum Schmelzpunkt erhitzt
worden sind. Damit sich das in
Zukunft ändert, müssen erst die grundlegenden Mechanismen zur Entstehung
und Verschiebung von Fehlstellen verstanden werden. In einem zweiten
Schritt soll dann in einigen Jahren durch Änderungen in den
Zusammensetzungen von gängigen Legierungen eine gezielte Steuerung der
Fehlstellenanzahl möglich sein und zur Optimierung von Werkstoffen auf
mikroskopischer und makroskopischer Ebene beitragen. In enger
Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Metallforschung
forschen die Stuttgarter Physiker bereits heute an den Chips und den
Solarzellen von morgen ... und benutzen dazu Positronen, die ein wahres
Spiel der Kräfte – nämlich das der Abstosßungskräfte zwischen dem
geladenen Positron und den positiv geladenen Atomkernen – immer
zielstrebig in Richtung von Fehlstellen in Kristallgittern
befördert. | |||
![]() |
|||